Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Die gemischte Lebensversicherung scheitert für die meisten Anleger an ihrer ineffizienten Produkt-Architektur, bei der hohe Anfangskosten und mangelnde Flexibilität die potenziellen Sicherheitsvorteile aufzehren.

  • In den ersten Jahren fliessen bis zu 40% der Prämien in Provisionen statt in den Spartopf, was den Zinseszinseffekt massiv schmälert.
  • Moderne, digitale Vorsorgelösungen bieten heute die gleiche Spardisziplin durch Automatisierung, jedoch bei massiv tieferen Kosten.

Empfehlung: Trennen Sie Sparen und Risiko. Nutzen Sie eine kostengünstige 3a-Lösung bei einer Bank oder einem digitalen Anbieter und schliessen Sie bei Bedarf eine separate, reine Risiko-Lebensversicherung ab. Nur in sehr spezifischen Fällen, bei extremer Undiszipliniertheit und dem Bedürfnis nach einem externen Zwang, kann die Police eine Notlösung sein – eine sehr teure.

Ein freundlicher Berater legt Ihnen eine Police vor. Das Versprechen: eine Sorge weniger. Sparen fürs Alter und die Absicherung Ihrer Familie, alles in einem einzigen, sauberen Paket. Es klingt nach Sicherheit, nach Verantwortung, nach einer soliden Schweizer Lösung. Doch dann öffnen Sie das Internet. Artikel von «Kassensturz», Warnungen von Konsumentenschützern und Analysen von Finanzexperten zeichnen ein düsteres Bild: intransparent, teuer, unflexibel. Der Tenor ist fast einstimmig – Finger weg, trennen ist besser.

Diese pauschale Ablehnung lässt Sie jedoch mit einer entscheidenden Frage zurück: Warum wird dieses Produkt dann immer noch verkauft und sogar von Ihnen nahestehenden Personen empfohlen? Sind die Kritiker zu dogmatisch oder übersehen die Befürworter massive Nachteile? Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Mechanik des Produkts selbst. Die meisten Ratgeber geben Ihnen ein Urteil, aber nicht die Werkzeuge, um es selbst zu fällen. Sie erklären nicht im Detail, wie die Kosten-Maschinerie in den ersten Jahren funktioniert oder was das Kleingedruckte bei der vielgepriesenen Prämienbefreiung wirklich bedeutet.

Dieser Artikel bricht mit dieser Tradition. Anstatt das übliche «Nein» zu wiederholen, zerlegen wir die gemischte Lebensversicherung in ihre Einzelteile. Wir agieren als kritische Produkt-Tester und analysieren die Kosten-Struktur, den Mythos der «erkauften Disziplin» und die realen Fallstricke der Sicherheitsnetze. Ziel ist es, Ihnen eine differenzierte Perspektive zu geben. Sie sollen verstehen, warum diese Police für 80% der Menschen eine finanzielle Fehlentscheidung ist, aber auch die spezifischen Kriterien erkennen können, die Sie vielleicht zu den restlichen 20% gehören lassen. Nur wer die Maschine versteht, kann beurteilen, ob sie für die eigene Reise das richtige Fahrzeug ist.

Um Ihnen eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu bieten, beleuchten wir die entscheidenden Aspekte der gemischten Lebensversicherung Schritt für Schritt. Die folgende Übersicht führt Sie durch die kritischen Fragen, die Sie sich stellen müssen, bevor Sie eine solche Police unterzeichnen.

Warum fliesst in den ersten Jahren kaum Geld in den Spartopf Ihrer Police?

Der frustrierendste Moment für viele Besitzer einer gemischten Lebensversicherung kommt nach zwei oder drei Jahren, wenn sie den ersten Kontoauszug erhalten. Trotz Tausender Franken an eingezahlten Prämien ist der sogenannte Rückkaufswert – der Betrag, den Sie bei einer Kündigung erhalten würden – erschreckend tief, oft sogar nahe null. Der Grund dafür liegt in einer aggressiven Kosten-Mechanik, die als «front-loading» bekannt ist. Dabei werden die Abschlusskosten, insbesondere die Provisionen für den Vermittler, nicht über die gesamte Laufzeit verteilt, sondern primär mit den ersten Prämien verrechnet.

Diese Struktur hat verheerende Folgen für Ihren Vermögensaufbau. Anstatt dass Ihr Geld von Anfang an investiert wird und vom Zinseszinseffekt profitiert, dient es zunächst der Tilgung der Kosten. Eine Untersuchung des SRF-Magazins «Kassensturz» hat gezeigt, dass bei einer Beispielrechnung in den ersten drei Jahren bis zu 40% der Prämien direkt in Abschlusskosten fliessen. Dieses Geld ist für Ihren Spartopf unwiederbringlich verloren. Es ist der Hauptgrund, warum der Wertzuwachs in der Anfangsphase stagniert oder sogar negativ ist.

Moderne, transparente Alternativen wie digitale 3a-Anbieter oder Banksparpläne kennen solche Initialkosten nicht. Dort fliesst praktisch der gesamte einbezahlte Betrag ab dem ersten Tag in die von Ihnen gewählte Anlagestrategie. Die Gegenüberstellung der Kostenstruktur macht den fundamentalen Nachteil der Versicherungslösung offensichtlich.

Die folgende Tabelle, basierend auf typischen Markt-Konditionen und den transparenten Gebühren von Anbietern wie Finpension, verdeutlicht den massiven Unterschied in der Kostenbelastung im Vergleich zu einer modernen ETF-Lösung.

Kostenvergleich 3a-Lebensversicherung vs. 3a-ETF-Lösung
Kriterium 3a-Lebensversicherung (typisch) 3a-ETF (z.B. Finpension)
Jährliche Verwaltungskosten 2-3% (oft versteckt) ca. 0.39% All-in
Abschlusskosten Jahr 1-3 Bis zu 40% der Prämien 0 CHF
TER der Fonds 1.5-2.5% 0.08-0.10%
Kostenunterschied nach 5 Jahren (bei CHF 500/Monat) Referenz ca. CHF 5’000 günstiger

Diese anfängliche Kostenlast ist die grösste Hypothek der gemischten Police und ein entscheidender Faktor, warum separate, transparente Produkte in fast allen Fällen die überlegene Wahl für den langfristigen Vermögensaufbau sind.

Wie hilft Ihnen die Police, ein Vermögensziel zu erreichen, wenn Sie undiszipliniert sind?

Befürworter von Versicherungspolicen bringen oft ein psychologisches Argument ins Spiel: die «erkaufte Disziplin». Die Logik ist simpel: Während man einen Dauerauftrag bei der Bank jederzeit stoppen oder auf das Sparkonto zugreifen kann, schafft die Police durch ihre lange Laufzeit und die hohen Rückkaufverluste eine vertragliche Verpflichtung. Man überlegt es sich zweimal, eine Prämienzahlung auszusetzen, wenn man weiss, dass dies mit direkten finanziellen Einbussen verbunden ist. Für Menschen, die sich selbst als undiszipliniert einstufen und Mühe haben, konsequent zu sparen, kann dieser externe Zwang tatsächlich helfen, am Ball zu bleiben.

Doch diese erkaufte Disziplin hat einen extrem hohen Preis. Der Finanzblogger «Sparkojote» analysierte den Fall von Jan Bühler, der über 10 Jahre 36’000 CHF in eine 3a-Lebensversicherung einzahlte. Sein Rückkaufswert betrug am Ende nur 23’000 CHF – ein Verlust von 13’000 CHF. Die Disziplin wurde also mit über 1’000 CHF pro Jahr «erkauft». Ein simpler Dauerauftrag auf ein kostenloses 3a-Bankkonto hätte im gleichen Zeitraum zu einem deutlichen Vermögenszuwachs geführt. Dieses Beispiel zeigt, dass die Kosten für die vermeintliche Disziplin oft in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen.

Hände halten ein Smartphone, auf dem unscharf die Bildschirme von verschiedenen Finanz-Apps zu sehen sind, in einer modernen Büroumgebung.

Zudem hat sich die Technologielandschaft verändert. Heute existieren zahlreiche kostenlose oder sehr günstige Alternativen, um die eigene Spardisziplin zu unterstützen, ohne sich in einen teuren und unflexiblen Vertrag zu begeben. Moderne digitale Vorsorge-Apps automatisieren den Sparprozess vollständig und nutzen psychologische Anreize («Gamification»), um die Motivation hochzuhalten. Der Zwang ist nicht mehr das einzige Mittel gegen mangelnde Disziplin.

Ihr Plan für kostenlose Spardisziplin: Moderne Alternativen zur teuren Police

  1. Dauerauftrag einrichten: Richten Sie bei Ihrer Hausbank einen monatlichen Dauerauftrag auf Ihr kostenloses 3a-Bank- oder Wertschriftenkonto ein. Das ist die einfachste Form der Automatisierung.
  2. Digitale 3a-Apps nutzen: Laden Sie eine App wie VIAC oder Finpension herunter. Diese investieren Ihre Einzahlungen automatisch und bieten transparente Performance-Dashboards zur Motivation.
  3. Robo-Advisors prüfen: Für das Sparen ausserhalb der Säule 3a können Robo-Advisors wie Selma oder True Wealth den gesamten Anlageprozess für Sie automatisieren.
  4. Motivationstools verwenden: Nutzen Sie die Gamification-Features und Fortschrittsanzeigen in den Apps, um Ihre Sparziele spielerisch zu verfolgen und motiviert zu bleiben.
  5. Jährliche Überprüfung planen: Setzen Sie sich einen jährlichen Kalendereintrag, um Ihre 3a-Einzahlungen zu prüfen und sicherzustellen, dass Sie den Maximalbetrag ausschöpfen.

Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie viel ihm die Überwindung der eigenen Disziplinschwäche wert ist. In den meisten Fällen ist die Antwort jedoch klar: Die Kosten der Police sind zu hoch, und die modernen Alternativen sind zu gut, um ignoriert zu werden.

Trennen oder Mischen: Warum fahren 80% der Kunden mit separaten Produkten besser?

Die zentrale Frage bei der privaten Altersvorsorge lautet: Soll man Sparen und Risikoabsicherung in einem Produkt kombinieren oder diese beiden Komponenten strikt trennen? Die überwältigende Antwort von unabhängigen Experten und Konsumentenschützern lautet: Trennen ist fast immer die bessere Strategie. Die Gründe dafür liegen in den fundamentalen Nachteilen der gemischten Produkt-Architektur: hohe Kosten und mangelnde Flexibilität.

Wie bereits analysiert, fressen die hohen Initial- und Verwaltungskosten der Versicherungspolicen einen erheblichen Teil der Rendite auf. Eine separate, ETF-basierte 3a-Lösung bei einem digitalen Anbieter ist um ein Vielfaches günstiger und ermöglicht es dem Zinseszinseffekt, seine volle Wirkung zu entfalten. Der Trend im Markt bestätigt diese Erkenntnis: Laut aktuellen Schweizer Vorsorgestatistiken nutzen nur noch 47% der 3a-Anleger Versicherungspolicen, und die Tendenz ist weiter sinkend. Die Mehrheit hat die Vorteile der Trennung erkannt.

Der zweite entscheidende Nachteil ist die mangelnde Flexibilität. Das Leben ist unvorhersehbar. Vielleicht möchten Sie eine Auszeit nehmen, sich selbstständig machen oder ein Haus kaufen. Eine gemischte Police bindet Sie über Jahrzehnte an einen fixen Sparplan. Eine Reduzierung oder ein Aussetzen der Prämien ist oft nur mit Nachteilen verbunden, und eine vorzeitige Kündigung führt, wie wir sehen werden, fast immer zu massiven Verlusten. Getrennte Produkte bieten hier maximale Agilität. Sie können Ihre 3a-Einzahlungen bei finanziellen Engpässen problemlos reduzieren oder aussetzen. Ihre Risikoversicherung können Sie separat an Ihren jeweils aktuellen Bedarf anpassen – zum Beispiel reduzieren, wenn die Kinder aus dem Haus sind – ohne Ihren Sparplan anzutasten.

Diese Kombination aus hohen Kosten und starrer Struktur macht die gemischte Police zu einem ineffizienten Werkzeug für den Vermögensaufbau. Sie opfern Rendite und Flexibilität für eine vermeintliche Einfachheit, die sich langfristig als teurer Kompromiss herausstellt. Ein reiner Sparplan gekoppelt mit einer reinen Risikoversicherung ist nicht nur günstiger und flexibler, sondern auch transparenter und einfacher an veränderte Lebensumstände anzupassen.

Die Entscheidung für eine getrennte Lösung ist somit eine Entscheidung für mehr Kontrolle, tiefere Kosten und eine höhere potenzielle Altersrente. Es ist die rationale Wahl für den mündigen Vorsorgesparer.

Das Detail, das Ihre Altersvorsorge rettet, wenn Sie erwerbsunfähig werden

Das stärkste Verkaufsargument für eine gemischte Lebensversicherung ist zweifellos die sogenannte Prämienbefreiung bei Erwerbsunfähigkeit. Die Idee ist verlockend: Sollten Sie durch Krankheit oder Unfall nicht mehr arbeiten können, übernimmt die Versicherung die zukünftigen Prämienzahlungen. Ihr Sparziel für die Altersvorsorge ist somit auch im schlimmsten Fall garantiert. Dieses Sicherheitsnetz scheint ein unschätzbarer Vorteil gegenüber einer reinen Banklösung zu sein, bei der die Sparraten im Falle einer Erwerbsunfähigkeit einfach ausbleiben würden.

Doch der Teufel steckt, wie so oft, im Detail. Die Bedingungen für das Greifen dieser Prämienbefreiung sind oft strenger als erwartet. In vielen Verträgen wird die Leistung erst fällig, wenn ein rechtskräftiger Entscheid der eidgenössischen Invalidenversicherung (IV) vorliegt. Wie aus offiziellen Informationen des Bundesamtes für Sozialversicherungen hervorgeht, können sich solche IV-Verfahren in der Schweiz über Monate, wenn nicht sogar Jahre hinziehen. Während dieser langen Warte- und Abklärungszeit müssen Sie die Prämien in der Regel weiterbezahlen – genau in der Phase, in der Ihr Einkommen wegfällt und die finanzielle Belastung am grössten ist.

Zudem ist es wichtig, den Leistungsumfang genau zu verstehen. Die Prämienbefreiung ist keine Erwerbsunfähigkeitsrente. Sie deckt lediglich die Weiterführung Ihres 3a-Sparplans, sie ersetzt aber nicht Ihr wegfallendes Einkommen. Eine separate Erwerbsunfähigkeitsversicherung (oft als IV-Rente bezeichnet) würde Ihnen eine monatliche Rente auszahlen, die Ihnen hilft, Ihre laufenden Lebenshaltungskosten zu decken. Die Kosten für die Prämienbefreiungs-Option sind zudem erheblich; sie können je nach Anbieter 15-25% der Gesamtprämie ausmachen. Für diesen Preis könnte man oft eine separate und leistungsfähigere IV-Rentenversicherung abschliessen, die eine echte Einkommenslücke schliesst und nicht nur den Sparplan füttert.

Das Sicherheitsnetz der Prämienbefreiung ist also real, aber es ist kleiner und hat mehr Löcher, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist kein vollumfänglicher Schutz vor den finanziellen Folgen einer Invalidität, sondern eine zweckgebundene Absicherung des Sparziels mit potenziell langen Wartefristen.

Eine kritische Prüfung der Versicherungsbedingungen und ein Vergleich mit einer separaten IV-Rentenversicherung sind unerlässlich, um zu beurteilen, ob dieses teuer bezahlte Feature den versprochenen Schutz auch wirklich bietet.

Wann sollten Sie die Police sistieren statt kündigen, um Verluste zu vermeiden?

Die geringe Flexibilität ist eine der grössten Schwächen der gemischten Lebensversicherung. Was passiert, wenn Sie in einen finanziellen Engpass geraten und die monatlichen Prämien nicht mehr aufbringen können? Die naheliegendste, aber oft schlechteste Option ist die Kündigung der Police. Aufgrund der hohen, in den Anfangsjahren verrechneten Abschlusskosten ist der Rückkaufswert in den ersten 5 bis 10 Jahren oft deutlich tiefer als die Summe Ihrer einbezahlten Prämien. Eine Kündigung bedeutet in diesem Fall, einen erheblichen Verlust zu realisieren.

Bevor Sie diesen drastischen Schritt gehen, sollten Sie eine Alternative prüfen: die Sistierung. Bei einer Sistierung wird der Vertrag beitragsfrei gestellt. Sie zahlen keine weiteren Prämien mehr ein, aber das bisher angesparte Kapital bleibt bei der Versicherung investiert und wird weiterhin (im Rahmen der vertraglichen Garantien und Überschüsse) verzinst. Der Todesfallschutz bleibt in der Regel in reduziertem Umfang bestehen. Der Vorteil: Sie stoppen die Prämienzahlungen, ohne den bisherigen Verlust durch einen zu tiefen Rückkaufswert realisieren zu müssen. Das Geld arbeitet weiter, und Sie können den Vertrag zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich die finanzielle Situation verbessert hat, eventuell wieder aufnehmen oder am Ende der Laufzeit auszahlen lassen.

Die Sistierung ist also eine Art «Notbremse», um in schwierigen Zeiten grösseren Schaden abzuwenden. Sie ist fast immer die bessere Wahl als eine vorzeitige Kündigung in der ersten Vertragshälfte. Kontaktieren Sie Ihre Versicherung und verlangen Sie eine Offerte, die den Rückkaufswert bei sofortiger Kündigung dem Wert bei Sistierung gegenüberstellt. So können Sie den potenziellen Verlust schwarz auf weiss sehen.

Die folgende Tabelle zeigt ein typisches Beispiel für die Entwicklung des Rückkaufswertes im Vergleich zu den einbezahlten Prämien. Die Daten verdeutlichen, warum eine Kündigung in den ersten Jahren extrem verlustreich ist.

Beispielhafte Entwicklung von Rückkaufswert vs. Einzahlungen
Vertragsjahr Einbezahlte Prämien (CHF) Rückkaufswert (CHF) Verlust bei Kündigung (CHF)
Jahr 3 18’000 8’000 -10’000
Jahr 5 30’000 20’000 -10’000
Jahr 10 60’000 48’000 -12’000
Jahr 20 120’000 115’000 -5’000

Auch wenn die Sistierung die bessere von zwei schlechten Optionen ist, unterstreicht dieses Dilemma doch die grundlegende Problematik der Police: Ihre Inflexibilität bestraft Lebensereignisse, anstatt sich ihnen anzupassen.

Warum hilft Ihnen die vertragliche Bindung einer Police, disziplinierter zu sparen als ein Bankkonto?

Obwohl die Nachteile der gemischten Police überwiegen, gibt es einen Aspekt, der für einen sehr spezifischen Persönlichkeitstyp relevant sein kann: die psychologische Wirkung der vertraglichen Bindung. Anders als bei einem Bankkonto, wo Geld einfach per Mausklick verschoben werden kann, schafft die Police durch ihre Struktur eine höhere Hemmschwelle. Der Prozess der Kündigung ist aufwendig, und die drohenden finanziellen Verluste wirken als starke Abschreckung.

Dieses Phänomen ist in der Verhaltensökonomie als «Commitment Device» (Selbstbindungsmechanismus) bekannt. Man schafft sich bewusst ein Hindernis, um sich selbst vor zukünftigen, irrationalen Entscheidungen zu schützen. Für Personen, die wissen, dass sie bei der erstbesten Versuchung (z.B. ein neues Auto, eine teure Reise) ihre langfristigen Sparziele über Bord werfen würden, kann diese erzwungene Disziplin ein Rettungsanker sein. Die Police agiert hier als externer Vormund über das eigene, undisziplinierte Zukunfts-Ich.

Die vertragliche Verpflichtung zur monatlichen Prämienzahlung etabliert eine unumstössliche Sparroutine. Es ist keine bewusste Entscheidung mehr, die man jeden Monat treffen muss, sondern eine fixe Ausgabe wie die Miete oder die Krankenkassenprämie. Dieser Automatismus kann dazu führen, dass über Jahrzehnte hinweg eine beträchtliche Summe angespart wird, die ohne diesen externen Zwang vielleicht nie zustande gekommen wäre. Man bezahlt also einen hohen Preis in Form von Gebühren und entgangener Rendite für die Garantie, überhaupt zu sparen.

Es ist jedoch eine brutale Abwägung. Man muss sich fragen: Ist meine eigene Disziplinschwäche so ausgeprägt, dass ich bereit bin, potenziell Zehntausende von Franken an Rendite zu opfern, um mich selbst zum Sparen zu zwingen? In einer Welt mit automatisierten, kostenlosen Daueraufträgen und digitalen Spar-Apps, die ebenfalls Routinen schaffen, verliert dieses Argument zunehmend an Kraft. Die vertragliche Bindung bleibt aber der letzte, wenn auch teuerste, Strohhalm für den extrem undisziplinierten Sparer.

Für die grosse Mehrheit der Menschen ist es jedoch finanziell weitaus sinnvoller, an der eigenen Disziplin zu arbeiten oder moderne technologische Hilfsmittel zu nutzen, anstatt sich in einen derart kostspieligen Vertrag zu begeben.

Volatilität oder Sicherheit: Welches Risiko können Sie sich mit 35 Jahren leisten?

Ein häufiges Argument für Versicherungslösungen ist die Sicherheit. Sie bieten oft einen garantierten Zinssatz und schützen das Kapital vor den Schwankungen der Aktienmärkte. Für jemanden, der kurz vor der Pensionierung steht, kann dieser Kapitalschutz sinnvoll sein. Doch für eine 35-jährige Person mit einem Anlagehorizont von 30 Jahren ist diese vermeintliche Sicherheit oft eine Falle, die langfristig Vermögen vernichtet. Der Grund dafür ist die sogenannte Risikofähigkeit.

Ihre Risikofähigkeit beschreibt, wie viel Risiko Sie objektiv eingehen können, ohne Ihre finanziellen Ziele zu gefährden. In der Schweiz ist diese für eine 35-jährige Person in der Säule 3a sehr hoch. Das solide Fundament aus AHV und Pensionskasse (1. und 2. Säule) deckt die Grundbedürfnisse im Alter bereits ab. Die 3. Säule ist die Kür, nicht die Pflicht. Dieser lange Anlagehorizont erlaubt es, kurz- und mittelfristige Marktschwankungen (Volatilität) nicht nur auszuhalten, sondern davon zu profitieren, indem man günstig zukauft.

Wie das VZ VermögensZentrum treffend analysiert, ist die Risikofähigkeit in jungen Jahren hoch und sollte genutzt werden. Das Festhalten an einer tief verzinsten, «sicheren» Versicherungslösung bedeutet, auf die deutlich höheren Renditechancen der Aktienmärkte zu verzichten. Über 30 Jahre kann dieser Renditeunterschied Hunderttausende von Franken ausmachen.

Dank der soliden Basis von AHV und Pensionskasse ist die Risikofähigkeit in der Säule 3a für eine 35-jährige Person sehr hoch

– VZ VermögensZentrum, Analyse des Schweizer 3-Säulen-Systems

Mit 35 Jahren können Sie es sich nicht nur leisten, Marktrisiken einzugehen – Sie können es sich fast nicht leisten, es nicht zu tun. Jedes Prozent an entgangener Rendite aufgrund einer zu konservativen Anlagestrategie ist ein direktes Geschenk an die Versicherung und ein Verlust für Ihr zukünftiges Altersguthaben. Eine Strategie mit einem hohen Aktienanteil in einer kostengünstigen 3a-Lösung ist für diese Altersgruppe fast immer der mathematisch überlegene Weg, um ein Vermögensziel wie den Maximalbeitrag von aktuell CHF 7’056 für Arbeitnehmer zu erreichen.

Die Entscheidung für eine gemischte Police ist in diesem Alter oft eine Entscheidung gegen das eigene Vermögen – eine Wette auf Sicherheit, die man mit hoher Wahrscheinlichkeit verliert.

Das Wichtigste in Kürze

  • Strukturproblem: Gemischte Policen sind durch hohe Anfangskosten und mangelnde Flexibilität für die meisten Sparer ineffizient.
  • Kostenfalle Disziplin: Der psychologische Vorteil der „erkauften Disziplin“ steht in keinem Verhältnis zu den massiven Kosten und Renditeverlusten.
  • Bessere Alternative: Die strikte Trennung von Sparen (via günstige 3a-ETF-Lösung) und Risikoabsicherung (via separate Risikopolice) ist fast immer die überlegene Strategie.

Trennen oder Mischen: Warum fahren 80% der Kunden mit separaten Produkten besser?

Neben den bereits diskutierten Nachteilen bei Kosten und Flexibilität gibt es einen weiteren, strukturellen Grund, warum die Trennung von Sparen und Risiko die bessere Wahl ist: Transparenz und Interessenkonflikte. Eine gemischte Police ist ein komplexes Bündel aus verschiedenen Komponenten: einem Sparanteil, einem Risikoanteil für den Todesfall, oft einer Prämienbefreiungsoption und verschiedenen Kostenschichten. Für einen Laien ist es praktisch unmöglich zu durchschauen, wie viel von seiner Prämie wohin fliesst und welche Rendite der Sparanteil tatsächlich erwirtschaftet.

Diese Intransparenz schafft einen Nährboden für hohe, versteckte Gebühren und potenzielle Interessenkonflikte. Der Vermittler, der Ihnen die Police verkauft, erhält eine hohe Abschlussprovision. Sein Anreiz ist es, ein Produkt zu verkaufen, nicht unbedingt, die für Sie beste Lösung zu finden. Aussagen von Versicherungen wie die von Swiss Life im SRF Kassensturz, wonach «die Kundin sich nach einer ganzheitlichen Beratung für die entsprechende Lösung entschieden» habe, klingen zwar gut, verschleiern aber oft die Tatsache, dass die Beratung möglicherweise nicht frei von Provisionsinteressen war.

Zwei Geschäftsleute im Gespräch in einem minimalistischen Büro, unscharfe Dokumente im Vordergrund symbolisieren einen Interessenkonflikt.

Getrennte Produkte sind hier radikal transparenter. Bei einer digitalen 3a-Lösung sehen Sie auf den Rappen genau, wie hoch die Gebühren sind (oft unter 0.5% pro Jahr) und wie sich Ihre Anlagen entwickeln. Eine reine Risiko-Lebensversicherung hat einen klaren Preis für eine klar definierte Leistung (z.B. X Franken Auszahlung im Todesfall für eine Prämie von Y Franken pro Jahr). Es gibt keine Vermischung, keine versteckten Kosten im Sparprozess.

Diese Klarheit ermöglicht es Ihnen, fundierte und unabhängige Entscheidungen zu treffen. Sie können den besten und günstigsten Anbieter für Ihren 3a-Sparplan auswählen und separat dazu den besten und günstigsten Anbieter für Ihre Risikoversicherung. Beim Kombiprodukt sind Sie an einen einzigen Anbieter für beides gebunden, der selten in beiden Disziplinen der Beste ist. Die Trennung gibt Ihnen die Kontrolle und die Freiheit zurück, für jede Komponente Ihrer Vorsorge die optimale Lösung zu wählen.

Letztlich ist die Entscheidung für getrennte Produkte eine Entscheidung für Mündigkeit und gegen eine bevormundende Intransparenz, die primär dem Anbieter nützt. Um Ihre finanzielle Zukunft selbst in die Hand zu nehmen, ist eine kritische Analyse der Ihnen angebotenen Produkte und eine bewusste Wahl der passenden Bausteine unumgänglich.

Häufige Fragen zur gemischten Lebensversicherung

Wann greift die Prämienbefreiung bei Erwerbsunfähigkeit?

Die Prämienbefreiung greift oft erst nach einem rechtskräftigen IV-Entscheid. Dieser Prozess kann in der Schweiz mehrere Monate oder sogar Jahre dauern. Während dieser Zeit müssen die Prämien meist weiterbezahlt werden, was eine erhebliche finanzielle Belastung darstellt.

Was ist der Unterschied zur separaten IV-Versicherung?

Die Prämienbefreiung ist keine Einkommensersatzrente. Sie stellt lediglich sicher, dass die Sparprämien für Ihre Police weiterbezahlt werden. Eine separate Erwerbsunfähigkeits(IV)-Rentenversicherung hingegen zahlt Ihnen eine monatliche Rente aus, um Ihre laufenden Lebenshaltungskosten zu decken. Sie schliesst also eine echte Einkommenslücke.

Wie viel kostet die Prämienbefreiungsoption?

Die Kosten für diese Option sind erheblich und oft in der Gesamtprämie versteckt. Sie können je nach Risikoprofil und Anbieter typischerweise zwischen 15% und 25% der gesamten Versicherungsprämie ausmachen. Für diesen Betrag liesse sich oft eine separate und umfassendere Risikoversicherung abschliessen.

Geschrieben von Thomas Aebischer, Unabhängiger Finanzplaner mit eidg. Fachausweis und Experte für private Vorsorge. Über 20 Jahre Erfahrung in der Banken- und Versicherungswelt mit Fokus auf Säule 3a und Steueroptimierung.