
Entgegen dem Drang zur „Modernisierung“ liegt der wahre Wert Ihrer alten Police nicht in neuen Anlagestrategien, sondern in ihrem unwiderruflichen, hohen Garantiezins – einem heute unersetzlichen Schatz.
- Alte Verträge bieten Garantiezinsen von 3-4%, während neue Policen in der Schweiz oft nur noch 0,25% oder weniger garantieren.
- Eine Kündigung ist fast immer ein Verlustgeschäft; Beitragsfreistellung oder ein Verkauf auf dem Zweitmarkt sind meist bessere Alternativen.
Empfehlung: Betrachten Sie Ihren Vertrag nicht als Altlast, sondern als finanzhistorisches Artefakt. Analysieren Sie ihn mit der hier gebotenen Sorgfalt, bevor Sie eine unwiderrufliche Entscheidung treffen.
In den Kellern und Ordnern vieler Schweizer Haushalte schlummern sie: Lebensversicherungspolicen aus den 1990er oder frühen 2000er Jahren. Auf den ersten Blick wirken sie wie Relikte aus einer anderen Zeit, verstaubt und vielleicht nicht mehr ganz passend zur aktuellen Lebenssituation. Der Gedanke an eine Kündigung oder eine „Optimierung“ durch einen modernen, fondsgebundenen Vertrag liegt nahe, oft befeuert durch gut gemeinte Ratschläge. Doch dieser Impuls ist in den meisten Fällen ein gravierender Fehler.
Diese alten Dokumente sind weit mehr als nur Papier. Sie sind finanzhistorische Artefakte, Zeitkapseln aus einer Ära hoher Zinsen. Sie enthalten einen Schatz, den es heute auf dem Markt nicht mehr zu kaufen gibt: einen hohen, lebenslang garantierten Zinssatz. Während man heute um jedes Zehntelprozent Rendite kämpft, bergen diese Policen Garantien von 3%, 3.5% oder sogar 4%. Diesen Wert aufzugeben, ohne seine wahre Tragweite zu verstehen, ist wie das Einschmelzen einer antiken Goldmünze, um den reinen Materialwert zu erhalten – man zerstört dabei das Wertvollste: ihre Seltenheit und Geschichte.
Dieser Artikel ist eine Hommage an diese Rendite-Relikte. Anstatt Ihnen pauschal zur Kündigung oder zum Weiterführen zu raten, agieren wir als Vorsorge-Archäologen. Wir werden den verborgenen Wert Ihrer alten Police freilegen, die Mechanismen dahinter erklären und Ihnen die Werkzeuge an die Hand geben, um selbst zum Schatzmeister Ihrer Vorsorge zu werden. Wir zeigen Ihnen, warum der Garantiezins entscheidend ist, wie Sie die richtigen Entscheidungen über das Besparen treffen, wann ein Rückkauf die absolute Ausnahme sein sollte und welche Fallstricke bei scheinbar lukrativen Optimierungsangeboten lauern.
Der folgende Leitfaden führt Sie systematisch durch alle Aspekte, die Sie für eine fundierte Entscheidung über die Zukunft Ihrer alten Lebensversicherungspolice benötigen. Machen Sie sich bereit, Ihren Vertrag mit neuen Augen zu sehen.
Inhaltsverzeichnis: Der wahre Wert Ihrer historischen Lebensversicherung
- Warum bekommen Sie heute nur noch 0,25% Garantie, während alte Verträge 3% boten?
- Wie entscheiden Sie, ob Sie einen alten Vertrag beitragsfrei stellen oder weiterbesparen?
- Reale Rendite: Lohnt sich der Garantiezins noch, wenn die Inflation steigt?
- Der Fehler, einer „Optimierung“ zuzustimmen und den hohen Garantiezins zu verlieren
- Wann können Sie Ihre Police auf dem Zweitmarkt verkaufen, um mehr als den Rückkaufswert zu erhalten?
- Das Problem, wenn der Zins auf der 3a-Police tiefer ist als der Hypothekarzins
- Lohnt sich der Rückkauf bei einer Police mit 3% Garantiezins überhaupt jemals?
- Wie entscheiden Sie, ob Sie einen alten Vertrag beitragsfrei stellen oder weiterbesparen?
Warum bekommen Sie heute nur noch 0,25% Garantie, während alte Verträge 3% boten?
Der frappierende Unterschied zwischen den Garantiezinsen von gestern und heute ist keine Willkür der Versicherer, sondern das direkte Abbild einer fundamental veränderten Finanzwelt. In den 90er Jahren war das Zinsumfeld ein völlig anderes. Staatsanleihen, die sichere und primäre Kapitalanlage der Versicherungsgesellschaften, warfen verlässlich hohe Renditen ab. Dies erlaubte es den Gesellschaften, ihren Kunden ebenfalls hohe Garantien von 3% oder mehr auf die gesamte Laufzeit einer Police zu versprechen. Diese Zusage war die Basis des Geschäftsmodells: Sicherheit und ein attraktiver, garantierter Ertrag.
Heute, nach über einer Dekade der Tief- und sogar Negativzinspolitik der Zentralbanken, ist dieses Modell erodiert. Versicherer können am Kapitalmarkt kaum noch sichere Renditen erwirtschaften. Um die Stabilität des Systems zu wahren und sicherzustellen, dass die Versicherer ihre langfristigen Versprechen halten können, hat die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) den maximal zulässigen technischen Zinssatz schrittweise gesenkt. Der technische Zinssatz ist jener Zinssatz, den Versicherer bei der Berechnung der Prämien für neue Verträge maximal anrechnen dürfen. Laut einer Übersicht der FINMA wurde dieser Satz für neue Verträge drastisch angepasst und liegt aktuell auf einem historischen Tiefstand.
Für Sie als Inhaber einer alten Police bedeutet das: Ihr Vertrag ist eine Art geschütztes Biotop. Die damals gegebene Zinsgarantie ist rechtlich bindend und muss vom Versicherer über die gesamte Laufzeit erfüllt werden, unabhängig vom aktuellen Marktumfeld. Sie besitzen damit einen „Zinsschatz“, der heute nicht mehr replizierbar ist. Jede neu abgeschlossene Police unterliegt den aktuellen, kargen Konditionen. Dieser historische Kontext ist der Schlüssel zum Verständnis des wahren, unschätzbaren Werts Ihres Altvertrags.
Wie entscheiden Sie, ob Sie einen alten Vertrag beitragsfrei stellen oder weiterbesparen?
Dies ist die vielleicht häufigste und wichtigste strategische Frage für Besitzer alter Policen. Die Antwort hängt von einer sorgfältigen Abwägung Ihrer finanziellen Situation, der Vertragsart (Säule 3a oder 3b) und Ihren langfristigen Zielen ab. Es gibt keine pauschale Antwort, aber einen klaren Entscheidungsprozess. Weiterbesparen bedeutet, den Zinseszinseffekt auf den hohen Garantiezins maximal zu nutzen. Jeder einbezahlte Franken wird mit dem damals vereinbarten hohen Satz verzinst. Die Beitragsfreistellung hingegen stoppt die Prämienzahlungen. Der Vertrag läuft weiter und das bisher angesparte Kapital verzinst sich weiterhin mit dem Garantiezins, aber das Endkapital wird naturgemäss geringer ausfallen.
Die folgende Visualisierung soll Ihnen helfen, den richtigen Weg für Ihre Situation zu finden.

Wie das Schaubild andeutet, ist der wichtigste Faktor oft die steuerliche Komponente. Wie die Swiss Life Vorsorgeexperten in ihrem Ratgeber betonen, spielt dies besonders bei der Säule 3a eine Rolle:
Bei 3a-Policen sind die Steuerabzüge ein entscheidender Faktor für das Weiterbesparen
– Swiss Life Vorsorgeexperten, Swiss Life Ratgeber Lebensversicherung
Die jährliche Steuerersparnis durch den Abzug der 3a-Beiträge kann eine niedrigere Rendite im Vergleich zu alternativen Anlagen oft überkompensieren. Bei einer 3b-Police, wo dieser Vorteil entfällt, rückt die reine Renditebetrachtung stärker in den Vordergrund.
Reale Rendite: Lohnt sich der Garantiezins noch, wenn die Inflation steigt?
Die Frage nach der realen Rendite ist absolut berechtigt. Ein Garantiezins von 3% klingt gut, aber was bleibt davon übrig, wenn die allgemeine Teuerung (Inflation) die Kaufkraft des Geldes mindert? Die reale Rendite ist die nominale Rendite (Ihr Garantiezins) abzüglich der Inflationsrate. Ist das Ergebnis positiv, wächst Ihr Vermögen auch nach Berücksichtigung der Teuerung. Ist es negativ, verlieren Sie an Kaufkraft. Genau hier zeigt sich die Stärke Ihres alten Vertrags im aktuellen Schweizer Umfeld in beeindruckender Weise.
Während in vielen Ländern die Inflation in den letzten Jahren stark angestiegen ist, hat sich die Lage in der Schweiz moderater entwickelt. Eine Analyse zeigt, dass die Inflationsrate in der Schweiz 2024 bei moderaten 1.1% im Durchschnitt lag. Vergleichen wir diesen Wert mit Ihrem Garantiezins von beispielsweise 3%: Ihre reale, also kaufkraftbereinigte Rendite, beträgt immer noch rund 1.9% pro Jahr. Dies ist eine positive Realrendite, die mit sicheren Anlagen heute kaum noch zu erzielen ist. Sparkonten bieten nahe null Zinsen, was bei 1.1% Inflation einem realen Verlust entspricht.
Selbst wenn die Inflation in der Schweiz auf 2% steigen würde, erzielen Sie mit Ihrem 3%-Vertrag immer noch eine reale Rendite von 1%. Ihr „Zinsschatz“ agiert also wie ein solider Fels in der Brandung der wirtschaftlichen Unsicherheit. Er garantiert nicht nur einen nominalen Zuwachs, sondern in der aktuellen Konstellation auch einen realen Kaufkrafterhalt und sogar -zuwachs. Diesen sicheren, positiven Realzins aufzugeben, wäre aus rein finanzieller Sicht unklug, solange die Inflation nicht dauerhaft über Ihren Garantiezins steigt. Die Stabilität und Berechenbarkeit Ihres Altvertrags ist ein Luxus, den neue Anlageprodukte nicht bieten können.
Der Fehler, einer „Optimierung“ zuzustimmen und den hohen Garantiezins zu verlieren
Es ist ein verlockendes Angebot: Ein Berater schlägt vor, Ihre „veraltete“ Police in eine „moderne, fondsgebundene Lösung“ umzuwandeln. Die Argumente klingen plausibel: höhere Renditechancen, mehr Flexibilität, zeitgemässe Anlagestrategien. Doch hinter diesen Versprechungen verbirgt sich oft ein fataler Tausch: Sie geben die eiserne Sicherheit Ihres hohen Garantiezinses auf für die vage Hoffnung auf höhere, aber unsichere Erträge. Dies ist der häufigste und teuerste Fehler, den Inhaber alter Policen machen können.
Die „Optimierung“ ist in Wahrheit oft eine Kündigung des Altvertrags und der Abschluss eines neuen. Damit geht Ihr wertvollstes Gut – der unwiederbringliche Garantiezins – für immer verloren. Sie tauschen einen garantierten Zinsschatz gegen die Volatilität der Aktienmärkte. Während kurzfristig höhere Renditen möglich sind, tragen Sie fortan das volle Anlagerisiko. Ein Börsencrash kann das angesparte Kapital empfindlich schmälern, eine Gefahr, die bei Ihrem alten Vertrag nicht besteht. Seien Sie daher extrem skeptisch, wenn Ihnen jemand Ihren Vertrag madig machen will.

Achten Sie auf typische Warnsignale in Beratungsgesprächen. Die folgende Liste fasst die häufigsten „roten Flaggen“ zusammen, bei denen Sie hellhörig werden sollten:
- Vorsicht bei Formulierungen wie: „Wir wandeln das in eine moderne, fondsgebundene Lösung um.“
- Warnsignal für: „Mehr Renditechancen durch flexible Anlage nutzen.“
- Kritisch hinterfragen: „Ihre alte Police ist nicht mehr zeitgemäss.“
- Prinzipiell ablehnen bei: „Tauschen Sie Garantie gegen höhere Ertragschancen.“
- Immer prüfen: Jeder Wechsel oder jede „Optimierung“ führt fast immer zum Verlust des alten Garantiezinses.
Denken Sie daran: Ein Berater, der Ihnen zum Tausch rät, verdient am Abschluss des neuen Vertrags eine neue Provision. Ihr Altvertrag hingegen ist für ihn nur ein ruhender Posten. Ihre erste Pflicht als Schatzmeister Ihrer Vorsorge ist es, Ihren Zinsschatz vor solchen Angriffen zu schützen.
Wann können Sie Ihre Police auf dem Zweitmarkt verkaufen, um mehr als den Rückkaufswert zu erhalten?
Wenn eine Kündigung fast immer die schlechteste Option ist, aber Sie dennoch dringend Kapital benötigen oder die Prämien nicht mehr zahlen können oder wollen, gibt es eine oft übersehene, weitaus lukrativere Alternative: den Verkauf Ihrer Police auf dem Zweitmarkt. Anstatt den Vertrag an die Versicherungsgesellschaft zurückzugeben und nur den meist enttäuschenden Rückkaufswert zu erhalten, verkaufen Sie ihn an einen spezialisierten Investor. Dieser führt den Vertrag weiter und profitiert von dem hohen Garantiezins.
Der entscheidende Vorteil für Sie: Der Investor zahlt Ihnen einen Kaufpreis, der typischerweise über dem offiziellen Rückkaufswert liegt. Der Aufschlag kann je nach Vertragsdetails variieren. Eine wichtige Einschränkung ist jedoch zu beachten: In der Schweiz ist dieser Markt fast ausschliesslich für Policen der freien Vorsorge (Säule 3b) zugänglich. Gebundene Vorsorgepolicen der Säule 3a unterliegen strengen regulatorischen Hürden und können in der Regel nicht veräussert werden, da sie an den Zweck der Altersvorsorge gebunden sind.
Praxisbeispiel: Verkauf einer Säule 3b-Police
Ein Kunde besitzt eine Säule 3b-Police mit einem Garantiezins von 3.5% und einer Restlaufzeit von 10 Jahren. Der offizielle Rückkaufswert der Versicherung beträgt CHF 50’000. Auf dem Zweitmarkt erhält er ein Angebot von CHF 52’500. Das ist ein Aufschlag von 5% oder CHF 2’500 mehr, als er bei einer Kündigung bekommen hätte. Der Investor übernimmt die Police, zahlt die restlichen Prämien und erhält am Ende das garantierte Endkapital.
Ob Ihre Police für den Zweitmarkt interessant ist und wie hoch der mögliche Aufschlag ausfällt, hängt von mehreren Faktoren ab. Die folgende Checkliste hilft Ihnen bei einer ersten Einschätzung.
Checkliste: Attraktivität Ihrer Police für den Zweitmarkt
- Restlaufzeit prüfen: Suchen Sie die Vertragsdokumente und ermitteln Sie die verbleibende Laufzeit. Policen mit kürzeren Restlaufzeiten (z.B. unter 15 Jahren) sind oft attraktiver.
- Garantiezins ermitteln: Finden Sie die garantierte Verzinsung in Ihren Vertragsbedingungen. Alles über 3% ist besonders gesucht und steigert den Wert erheblich.
- Bonität des Versicherers bewerten: Informieren Sie sich über die aktuelle SST-Quote (Swiss Solvency Test) Ihrer Versicherungsgesellschaft. Eine Quote deutlich über 150% signalisiert hohe Sicherheit und ist ein Pluspunkt.
- Vertragsart identifizieren: Stellen Sie sicher, dass es sich um eine Police der Säule 3b (freie Vorsorge) handelt. Dies ist die Grundvoraussetzung für einen Verkauf.
- Marktlage sondieren: Holen Sie unverbindliche Angebote von mehreren Anbietern auf dem Zweitmarkt ein, um die aktuelle Nachfrage und die möglichen Konditionen zu vergleichen.
Das Problem, wenn der Zins auf der 3a-Police tiefer ist als der Hypothekarzins
Ein spezifisches, aber in der Praxis häufiges Dilemma tritt auf, wenn eine 3a-Lebensversicherung zur indirekten Amortisation einer Hypothek verpfändet ist. Das Modell war lange attraktiv: Die Hypothekarschuld bleibt konstant hoch, was maximale Steuerabzüge erlaubt, und das 3a-Guthaben wächst, um die Schuld am Ende zu tilgen. Problematisch wird es, wenn der Zins, den Sie für Ihre Hypothek zahlen, höher ist als die Rendite, die Ihre 3a-Police erwirtschaftet. In diesem Fall entsteht ein negativer Zins-Spread: Sie zahlen mehr für Ihre Schulden, als Ihr Vorsorgekapital einbringt. Effektiv machen Sie ein Verlustgeschäft.
Dieses Szenario ist bei neueren 3a-Policen mit niedrigem Garantiezins und hohen Kosten leider keine Seltenheit. Bei Ihren alten Policen mit hohem Garantiezins von 3% oder mehr ist die Gefahr geringer, aber nicht ausgeschlossen, insbesondere in Phasen steigender Hypothekarzinsen. Wenn Ihr Hypothekarzins beispielsweise auf 3.5% steigt, Ihr Vertrag aber „nur“ 3% garantiert, entsteht eine negative Differenz. In einer solchen Situation sollten Sie nicht untätig bleiben, sondern aktiv nach Lösungen suchen, um diese finanzielle Schieflage zu korrigieren.
Eine Kündigung der Police ist auch hier selten die beste Lösung, da Sie den wertvollen Garantiezins und die Vertragsstruktur aufgeben. Es gibt intelligentere Ansätze, um das Problem zu lösen:
- Option 1: Sistierung der Verpfändung: Sprechen Sie mit Ihrer Bank. Manchmal ist es möglich, die Verpfändung aufzuheben und zur direkten Amortisation zu wechseln, während die 3a-Police separat weiterläuft.
- Option 2: Wechsel des 3a-Gefässes: Prüfen Sie, ob Sie die Amortisation über ein 3a-Bankkonto oder ein kostengünstigeres 3a-Fondsdepot mit höheren Renditechancen fortsetzen können, falls die Bank zustimmt.
- Option 3: Break-Even-Berechnung: Rechnen Sie genau aus, wie gross der Verlust durch den negativen Spread ist und vergleichen Sie ihn mit dem Verlust bei einem Rückkauf. Manchmal ist das Weiterführen trotz kleinem Verlust besser.
- Option 4: Teilamortisation: Prüfen Sie, ob Sie einen Teil der Hypothek direkt amortisieren können, um die Zinslast zu senken, während der Rest über das 3a-Gefäss läuft.
- Option 5: Hypothek refinanzieren: Nutzen Sie das Ende einer Festhypothek, um die Konditionen neu zu verhandeln und einen günstigeren Hypothekarzins zu sichern, der wieder unter der Rendite Ihrer Police liegt.
Lohnt sich der Rückkauf bei einer Police mit 3% Garantiezins überhaupt jemals?
Nach allem, was wir über den Wert dieser finanzhistorischen Artefakte gesagt haben, scheint die Antwort ein klares „Nein“ zu sein. Und in 95% der Fälle ist das auch korrekt. Der Rückkauf (die Kündigung) einer Police mit hohem Garantiezins ist fast immer mit erheblichen finanziellen Nachteilen verbunden. Sie erhalten nur den Rückkaufswert, der oft unter der Summe der einbezahlten Prämien liegt, und verlieren den unersetzlichen „Zinsschatz“ für immer. Dennoch gibt es wenige, aber legitime Ausnahmesituationen, in denen ein Rückkauf die vernünftigste oder sogar die einzig mögliche Option sein kann.
Diese Ausnahmen sind nicht durch den Wunsch nach „mehr Rendite“ motiviert, sondern durch grundlegende Veränderungen der Lebensumstände, die die ursprüngliche Basis des Vertrags aushebeln. Ein Paradebeispiel ist die endgültige Auswanderung aus der Schweiz. Die steuerlichen Vorteile der Säule 3a oder 3b sind an das Schweizer Steuersystem gekoppelt. Im Ausland verlieren sie ihre Gültigkeit. Das Kapital in der Police zu belassen, kann dann administrativ kompliziert und steuerlich nachteilig sein.
Ausnahmefall: Rückkauf bei endgültiger Auswanderung
Eine Familie wandert endgültig nach Kanada aus. Ihre 3a-Police mit 3% Garantiezins kann im kanadischen Steuersystem nicht als Vorsorge geltend gemacht werden. Die Auszahlung im Alter wäre dort eventuell voll steuerpflichtig. In diesem Fall kann der Rückkauf vor der Auswanderung sinnvoll sein. Das Kapital wird in der Schweiz zu einem reduzierten Satz besteuert und kann dann im neuen Heimatland flexibel und steueroptimiert investiert werden, auch wenn dabei der wertvolle Garantiezins verloren geht.
Neben der Auswanderung gibt es noch andere seltene, aber triftige Gründe, die einen Rückkauf rechtfertigen können. Es ist wichtig, diese genau zu kennen, um nicht aus den falschen Motiven zu handeln.
- Endgültige Auswanderung aus der Schweiz, wie oben beschrieben.
- WEF-Vorbezug für den Kauf eines selbstbewohnten Eigenheims, falls absolut keine anderen flüssigen Mittel zur Verfügung stehen.
- Drohende Insolvenz des Versicherers, was in der Schweiz dank strenger Regulierung (SST) extrem selten ist. Eine SST-Quote unter 100% wäre ein Alarmsignal.
- Schwere Krankheit mit einer diagnostizierten, stark verkürzten Lebenserwartung, bei der das Kapital zur Verbesserung der Lebensqualität benötigt wird.
- Einkauf in die Pensionskasse (2. Säule), wenn diese eine nachweislich höhere Verzinsung und bessere Leistungen bietet und eine Vorsorgelücke besteht.
In allen anderen Fällen sollten Sie die Finger vom Kündigungsknopf lassen. Die Alternativen wie Beitragsfreistellung oder Verkauf sind fast immer die bessere Wahl.
Das Wichtigste in Kürze
- Ihr alter Garantiezins ist ein unersetzlicher „Zinsschatz“, der im aktuellen Umfeld eine sichere, positive Realrendite bietet.
- Eine Kündigung ist fast immer die schlechteste Option. Prüfen Sie immer zuerst eine Beitragsfreistellung oder den Verkauf auf dem Zweitmarkt (nur für 3b).
- Seien Sie äusserst skeptisch gegenüber „Optimierungs“-Angeboten, die oft nur verdeckte Kündigungen sind, bei denen Sie Ihren Garantiezins verlieren.
Wie entscheiden Sie, ob Sie einen alten Vertrag beitragsfrei stellen oder weiterbesparen?
Wir kehren zu dieser zentralen Frage zurück, nun aber mit dem gesamten Wissen aus den vorherigen Abschnitten. Die Entscheidung ist keine einfache Ja/Nein-Antwort, sondern eine Synthese, ein letztes Abwägen als Schatzmeister Ihrer eigenen Finanzen. Sie haben den historischen Wert Ihres Vertrags verstanden, die Gefahr der Inflation eingeordnet, die Fallstricke der „Optimierung“ erkannt und die Nischenoptionen wie den Zweitmarkt oder den legitimen Rückkauf kennengelernt. Nun geht es darum, all diese Fäden zu einem für Sie passenden Entschluss zu verknüpfen.
Der Kern Ihrer Entscheidung sollte nicht mehr die Frage „Ist mein Vertrag noch gut?“ sein – das ist er zweifellos. Die Frage lautet: „Was ist der beste Weg, dieses finanzhistorische Artefakt in meine aktuelle und zukünftige Lebensplanung zu integrieren?“ Betrachten Sie es als ein wertvolles Erbstück. Verkaufen Sie es nur in der Not (Rückkauf), stellen Sie es in die Vitrine, wo es weiter an Wert gewinnt (Beitragsfreistellung), oder polieren Sie es regelmässig und fügen ihm weitere Kostbarkeiten hinzu (Weiterbesparen).
Die Wahl hängt von Ihrer Liquidität, Ihren steuerlichen Rahmenbedingungen (insbesondere bei der Säule 3a) und Ihren alternativen Anlagemöglichkeiten ab. Das folgende Rechenbeispiel kann die finanziellen Auswirkungen verdeutlichen.
| Szenario | Monatliche Prämie | Garantiertes Endkapital (20 Jahre) | Alternative Rendite (SMI-ETF) |
|---|---|---|---|
| Weiterbesparen 3% Police | CHF 500 | CHF 164’000 | – |
| Beitragsfreistellung + ETF-Investment | CHF 500 in ETF | CHF 82’000 (Police) + CHF 120’000 (ETF bei 5% p.a.) | CHF 202’000 total |
Wie diese vergleichende Analyse zeigt, kann eine alternative Anlage rein rechnerisch zu einem höheren Endkapital führen, jedoch unter Inkaufnahme eines erheblich höheren Risikos und ohne die eisernen Garantien Ihrer alten Police. Ihre Entscheidung ist somit auch eine über Ihre persönliche Risikobereitschaft.
Bewerten Sie Ihren Vertrag nicht als Last, sondern als das, was er ist: ein wertvolles Gut und ein Anker der Stabilität in unsicheren Zeiten. Eine fundierte, unabhängige Analyse ist der erste Schritt, um das volle Potenzial Ihres finanzhistorischen Artefakts zu erkennen und die für Sie richtige Entscheidung für die Zukunft zu treffen.